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„Brumm-Brumm“ ist ein hochkomplexer Lernprozess

Tanja Deutsch | | 0 Kommentare
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Absolut selbstverständlich scheint es uns, wenn Kinder im freien Spiel Geräusche passend zum gewählten Spielzeug und/oder zur Bewegung und Aktion produzieren.

Doch: Kinder imitieren Geräusche nicht nur zum Spaß – sie trainieren dabei zentrale Fähigkeiten, die für Sprache, Denken, soziale Kompetenz und Kreativität grundlegend sind.

Das scheinbar einfache ‚Brumm-Brumm‘ ist also ein hochkomplexer Lernprozess im Gehirn. Hier ein kurzer Einblick in ein – auch aus Sicht der Entwicklungspsychologie und Sprachentwicklung – spannendes Feld.

Kinder imitieren bei Spielen Geräusche der Spielsachen (z.B. ‚Brumm‘ für ein Auto oder ‚Miau!‘ für eine Katze), weil sie dadurch mehrere Dinge gleichzeitig lernen und erleben:

1. Symbolisches Denken und Rollenspiel:

Wenn ein Kind ein Auto ‚brummen‘ lässt oder ein Tiergeräusch nachmacht, übt es symbolisches Denken, d.h. es versteht, dass ein Objekt (z.B. das Spielzeugauto) für etwas anderes (ein echtes Auto) stehen kann. Das ist eine wichtige Grundlage für Phantasie, Sprache und abstraktes Denken.

2. Nachahmung als Lernstrategie:

Kinder lernen durch Imitation. Sie ahmen das nach, was sie in ihrer Umgebung hören, um die Welt zu verstehen und um Handlungsabläufe zu verinnerlichen. Geräusche sind oft das Erste, was sie an einem Objekt wahrnehmen, also reproduzieren sie diese Laute im Spiel.

3. Sprachentwicklung:

Lautmalerei (‚Wau-wau‘, ‚Miau‘, ‚Tatü-tataa‘) ist ein früher Teil des Spracherwerbs. Durch das Nachahmen von Geräuschen üben Kinder Artikulation, Rhythmus und Sprachmelodie – auf eine spielerische und für sie sinnvolle Weise.

4. Emotionale Beteiligung und Spaß:

Geräusche machen das Spiel lebendiger und spannender. Kinder fühlen sich so stärker in die Rolle hineinversetzt (‚Ich fahre das Auto!‘ statt ‚Ich bewege ein Spielzeug …‘). Das verstärkt ihre Freunde und Motivation beim Spielen.

5. Soziale Kommunikation:

Durch Geräusche können die Kinder untereinander kommunizieren, selbst wenn sie sprachlich noch nicht alles ausdrücken können. Es ist also eine Art Vorstufe zur verbalen Interaktion.

Kurz gesagt:
Kinder imitieren Geräusche, weil sie dadurch lernen, sich ausdrücken, erleben und kommunizieren – alles zentrale Bausteine ihrer Entwicklung.

Pädagogische Perspektive

Aus Sicht der Frühpädagogik und Spielentwicklung sind Geräusche beim Spielen ein Ausdruck des sogenannten symbolischen Spiels. Das tritt typischerweise etwa ab dem 2. Lebensjahr auf.

Nachahmung als Lernform: Kindern lernen durch Tun und Wiederholen. Wenn sie Geräusche nachmachen, ahmen sie reale Handlungen nach, z.B. wie Erwachsene ein Auto starten oder ein Tier rufen. Das stärkt ihr Verständnis von Ursache und Wirkung und hilft, Alltagserfahrungen einzuordnen.

Selbstausdruck und Identifikation: Durch das Geräuschemachen versetzen sich Kinder in Rollen („Ich bin das Auto“, „Ich bin der Hund“) – das stärkt Empathie, Identitätsbildung und soziale Kompetenz.

Sprachförderung im Spiel: Pädagogisch betrachtet sind lautmalerische Geräusche ein wichtiger Schritt vom Prä-Sprachlichen (Laute, Geräusche) zur symbolischen Sprache (Wörter, Sätze). Viele Pädagog:innen (z.B. nach Montessori und Fröbel) betonen, dass Kinder über aktive Sinneserfahrungen sprechen lernen.

Beobachtungswert für Erzieher:innen: Wie ein Kind Geräusche einsetzt, kann zeigen, auf welcher Spiel- und Entwicklungsstufe es sich befindet – z.B. ob es schon symbolisch denkt oder noch rein sensomotorisch spielt.

Neurowissenschaftliche Perspektive

Aus Sicht der Gehirn- und Entwicklungsforschung ist das Imitieren von Geräuschen eng mit Sprach-, Hör- und Motorikzentren im Gehirn verbunden:


Spiegelneuronen: Wenn Kinder hören, wie ein Auto brummt, und das Geräusch selbst nachahmen, werden im Gehirn ähnliche Aktivitätsmuster ausgelöst wie beim echten Erleben. Diese Spiegelneuronennetzwerke sind entscheidend für Nachahmung, Empathie und Lernen durch Beobachtung.

Verknüpfung sensorischer und motorischer Systeme: Das Nachahmen von Geräuschen verbindet Hören (auditiv) mit Sprechen (motorisch). Dadurch bilden sich stabile neuronale Bahnen – eine Grundlage für späteres Wortverständnis und Artikulation.

Emotion und Motivation: Geräusche aktivieren das Belohnungssystem im limbischen Gehirn. Kinder empfinden Freude, wenn sie etwas „richtig“ nachmachen. Das motiviert sie, weiter zu experimentieren und zu lernen.

Sprachverarbeitung im Gehirn: Lautmalerische Wörter (wie „Wau-Wau§, „Tut-Tut“) sind rhythmisch, einfach und klanglich markant – genau die Art von Lauten, die das kindliche Gehirn leicht speichern und wieder abrufen kann. So entsteht eine Brücke zwischen Laut und Bedeutung.

faq

Was heißt das für unser Spielen in der Kita oder zuhause?

Situation: Ein 3-jähriges Kind spielt mit einem kleinen Auto und sagt „Brumm-Brumm“. Als Erwachsene können wir so reagieren: „Ja, genau – das Auto fährt los … tuut-tuut! Wohin fährt es?“ – und könnten dann erweitern: „Schau, es fährt über die Brücke. Machst du auch ein Brückengeräusch?“ Danach anschließen: „Jetzt hält es an, wir machen stopp – Stopp!“

Warum das so oder so ähnlich hilfreich ist:

# Wir greifen das Geräusch auf („Brumm-Brumm“) und begleiten es verbal, damit das Kind Sprache und Laut verbindet.

# Durch Nachahmung erleben Kinder Rollen- und Symbolspiel („Ich bin das Auto“) und üben damit kognitiv.

# Die Erwachsenen machen mit, das regt das Kind zur Interaktion an und fördert soziale Kommunikation.

Tipp:

Achten wir darauf, dass das Spiel nicht überstrukturiert ist, lassen wir Freiraum für das Kind. Beobachtet, welche Geräusche es macht und greift diese wertschätzend auf („Ah, du hast das XY-Geräusch gemacht, das war toll!“).

Für eine Kita-Situation: Legt Spielzeuge bereit, die zu Geräuschen einladen (z.B. Fahrzeuge, Tiere, Musikinstrumente) und bietet freie Spielzeit an. Ermuntert die Kinder, Geräusche laut zu machen und darzustellen und begleitet mit Kommentaren, statt nur zu korrigieren.

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📚 Wissenschaftliche Quellen
• Symbolic Play and Novel Noun Learning in Deaf and Hearing Children: Longitudinal Effects of Access to Sound on Early Precursors of Language (2016) „Relationships between symbolic play, functional play, verbal and non-verbal ability in young children“ — diese Studie zeigt, dass symbolisches Spiel (also z. B. ein Spielzeugauto steht für ein Auto) signifikant mit sprachlichen Fähigkeiten verbunden ist. • „Narrative Performance and Sociopragmatic Abilities in Preschool Children are Linked to Multimodal Imitation Skills“ (2023) — untersuchte Zusammenhang von Nachahmung (multimodal: Laut, Gestik, Bewegung) mit Sprach- und sozio-kommunikativen Fähigkeiten. • „Mirror Neurons: How We Reflect on Behavior“ (2009) — beschreibt das Konzept der Spiegelneuronen (Neuronengruppen, die bei Handlung + Beobachtung aktiv sind) und deren mögliche Rolle bei Imitation und Lernen durch Beobachtung. • „A Case for Symbolic Play: An Important Foundation for Literacy Development“ (2022) — beleuchtet, warum symbolisches Spiel eine wichtige Basis für Sprache und späteres Lesen / Schreiben sein kann. • „Association of the Type of Toy Used During Play With the Quantity and Quality of Parent-Infant Communication“ (2020) — zeigt, wie die Art des Spielzeugs Einfluss auf die sprachliche Interaktion zwischen Eltern und Kind hat.

Veröffentlicht von
Tanja Deutsch

Als Verlegerin schöpfe ich aus meinem Studium der Kunst und der Wirtschaftswissenschaften, sowie aus einer grundlegenden Ausbildung im Verlagshandwerk. Bei der Konzeption und Entwicklung unserer Produkte und in freien Beratungsmandaten setze ich immer auf ein interdisziplinäres Team und befasse mich so mit einer Bandbreite an Branchen und Themen. Wissenschaftlich fundiert und mit viel Praxisbezug – für eine Relevanz in der Anwendung.

Als nebenamtliche Dozentin an verschiedenen Hochschulen widme ich mich ökonomischen Inhalten.

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