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Interkulturelles Miteinander im Kita-Alter

Doris Kupferschmidt | | 0 Kommentare

Auch mal um den heißen Brei herumreden

Gedanken zu Diversität im Kita-Alter

In Deutschland wird gewöhnlich recht direkt kommuniziert; d.h. es wird gesagt, wie es scheinbar ist und nicht lange um den heißen Brei herumgeredet. Ein guter Freund und promovierter Germanist, der in Singapur mit Chinesisch als Erstsprache aufgewachsen ist, bezeichnete diesen direkten Kommunikationsstil mir gegenüber neulich als phantasielos und langweilig. Er sei es von klein auf gewohnt, eine blumige Sprache zu benutzen – und das sei wie ein Tanz und mache einfach Spaß.

Hm – der Gedanke war neu für mich, obwohl ich mich als interkulturelle Trainerin schon viele Jahre mit interkultureller Kommunikation beschäftige. Ich wusste, dass die direkte Art zu kommunizieren, wie sie z.B. in den USA, Deutschland oder den Niederlanden vorherrschend ist, für andere Kulturen unhöflich, respektlos oder gar aggressiv wirken kann. Nun also auch phantasielos.

Interkulturelle Kommunikation in der Kita

Und als Fachkraft im Betreuungsalltag einer Kita? Bin ich mir über meinen Kommunikationsstil bewusst und interkulturell sensibilisiert, kann ich vertrauensbildend im Elterngespräch dagegen steuern, indem ich z.B. gleichzeitig betone, welch wichtigen Platz das Kind in der Kita einnimmt und dass es zum Kindergartenalltag gehört, dass mit den Eltern das Verhalten und besondere Situationen besprochen werden.

Tatsächlich ist es gar nicht so einfach, zwischen den Zeilen lesen zu lernen bzw. Kritik indirekt zu äußern. Genau das hilft aber! Wenn ich verstanden habe, dass mein Gegenüber meine sachlichen Schilderungen als Zurückweisung verstehen kann, dass sie vielleicht zu einem gefühlten Gesichtsverlust von migrantischen Eltern führen können und sich diese womöglich zurückziehen.

Eltern möchten erleben und spüren, dass sie in ihrer individuellen Art und Weise von der Kita als Erziehungspartner akzeptiert sind.

Eine gute und harmonische Beziehung unter den Erwachsenen ist eine wichtige Grundlage für die pädagogische Arbeit und die Entwicklung und Entfaltung des Kindes in der Kita – und für ein Miteinander der Familien befreundeter Kinder.

Damit sich alle wohl fühlen ist es wichtig, die Lebenswelten der Kinder abzubilden und Diviersität sichtbar zu machen. Bereits im Eingangsbereich kann ein Interkultureller Kalender auf eine kultursensible pädagogische Arbeit hinweisen und signalisieren, dass alle Religionen und Kulturen mit ihren Festen und Feiertagen wahrgenommen und gesehen werden. Gibt es zum Beispiel Familien, die das Ende des Ramadan feiern oder das Lichterfest Diwali, können sie eingebunden werden und den anderen Kindern darüber berichten. So können alle voneinander lernen und beteiligt werden.

Die Bedeutung des Namens

Nicht unterschätzt werden sollte auch die Bedeutung des Namens des Kindes und der Familie. Der sensible und korrekte Umgang mit demselben zeigt Anerkennung und Wertschätzung – wird ein Name falsch geschrieben, ein Sonderzeichen weggelassen oder der Name womöglich abgekürzt, kann das abwertend oder ausgrenzend erlebt werden. Das Weglassen von Sonderzeichen kann sogar den Sinn des Wortes komplett verändern.

Manche Kita-Leitungen haben erkannt, welche Chance und Signalwirkung auch die korrekte Aussprache von Namen bietet. Bei der Anmeldung wird sorgfältig nachgefragt und in Lautschrift zusätzlich notiert, wie ein in Deutschland weniger geläufige Name korrekt ausgesprochen wird.

Ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung und ein Lernfeld für alle. Der Name von Kindern trägt oftmals eine tiefere Bedeutung oder hat familiäre, religiöse oder kulturelle Hintergründe – was die Bedeutung eines wertschätzenden Umgangs noch einmal unterstreicht.

Diese Geste lässt sich in den Alltag außerhalb der Betreuungseinrichtungen integrieren und ebnet den Weg zu einer Verbindung zwischen den Familien – unabhängig von kulturellem und religiösem Hintergrund.

Medien für Kinder

Damit sich alle wohlfühlen ist es darüber hinaus wichtig, dass Bücher und Spielsachen auch Diversität aufzeigen und keine Stereotype und Rollenklischees reproduziert werden. Alle Kinder sollten sich in den Geschichten der verwendeten Medien wiederfinden – die Heldinnen und Helden der Kinderbücher sollten z.B. unterschiedliche Hautfarben haben und gesellschaftliche Diversität widerspiegeln.

Hier gibt es noch einen großen Bedarf – das Feld sollte nicht Conny und Co überlassen werden.

Gender-Aspekte, Mehrsprachigkeit und Menschen mit Behinderung müssen dabei eine Rolle spielen und einen Platz in Puppenecke, Bauecke, Verkleidungskiste und Büchern bekommen. Hier ergibt sich für alle Kinder ein wichtiges Lernfeld für das Leben in einer heterogenen Gesellschaft: Jedes Kind ist einzigartig und besonders und bereichert die Kita durch seine Zugehörigkeit.

Eine erlebte Vielfalt an Sprachen, Äußerlichkeiten (Kleidung, Aussehen, körperliche Einschränkungen), Rollenverteilungen innerhalb von Familien oder was die Ernährung und Essgewohnheiten betrifft, sind eine große Bereicherung für alle Kinder und öffnet den Blick. Es wird früh gezeigt, dass die Welt bunt ist – und dass voneinander gelernt werden kann, anstatt Verschiedenheit als Bedrohung zu sehen.

Da fällt mir eine Anekdote aus der Kindergartenzeit meiner Kinder ein. Die beiden hatten von den englischen Großeltern nach einem Englandbesuch ein Päckchen „Crisps“ in ihrer Brotzeittasche, was leider zu großem Ärger in der Kita führte. Der Hinweis auf gesundes Essen war sicher gut gemeint, hinterließ unterschwellig jedoch eine gefühlte Ablehnung der familiärer Wurzeln (in England gehören kleine Chips-Tüten als Beilage zu Sandwiches dazu …).

‚Woher kommst du eigentlich?‘

Das Postulat der Gleichberechtigung gilt für alle – viele Kinder und Familien fühlen sich im Kita-Alltag dennoch ausgegrenzt, wenn sie sich z.B. durch ihre Hautfarbe von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden. Sie finden sich nicht nur, wie oben erwähnt, selten in Kinderbüchern und Spielmaterialien repräsentiert, sondern erleben Ausgrenzung noch auf ganz andere Weise, wenn ihnen die Frage „Woher kommst Du eigentlich?“ gestellt wird. Auch wenn die Frage in keiner bösen Absicht gestellt wurde und scheinbar Interesse signalisieren soll, so unterstellt sie implizit, dass die Person nicht diesem Land zugehörig sein kann und sich erklären muss. Jemand der als Deutsch wahrgenommen wird, müsse anders aussehen, so ist letztlich die Botschaft, die dahinter steckt. Ausgrenzung bzw. Othering findet auch über Exotisierung statt – Klassiker dabei ist z.B.  das Anfassen der Haare von Schwarzen Kindern.*

Rezept für das Gelingen von Interkulturellem Miteinander?

Vielfalt ist eine Bereicherung, die uns aber auch aus der Komfortzone herausholt und täglich fordert, zumal es keine Gebrauchsanweisungen oder Rezepte für das Verhalten in interkulturellen Begegnungen gibt. Denn letztlich ist jede Situation anders und einzigartig – genau wie die Menschen, die daran beteiligt sind.

Hilfreiche Zutaten lassen sich hingegen sehr wohl identifizieren – dazu gehören eine offene Haltung, Empathie, Kreativität, Flexibilität, eine große Portion Humor und die Bereitschaft, die eigene Komfortzone zu verlassen.

_________________________

*„Don’t touch my Hair“ lautet der Titel eines US-amerikanischen Kinderbuches von Sharee Miller, das Kinder stark machen und zum Nein-Sagen anregen soll. Ein aus meiner Sicht pädagogisch sehr wertvolles Kinderbuch für kleine und große Kinder aller Haar- und Hautfarben. Weitere Buchtipps für mehr Vielfalt finden sich in einem der nächsten Blog-Artikel.

Veröffentlicht von
Doris Kupferschmidt

Ich bin Diplom Kulturwirtin und seit 2009 Leiterin des Zentrums für Interkulturelle Kompetenz an den Dualen Hochschulen Baden-Württembergs. Als freie Interkulturelle Trainerin schule ich pädagogische Fachkräfte und Führungskräfte aller Branchen im kultursensiblen Umgang mit allen Interessenspartnern.

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