A wie Affe, B wie Biene, C wie Cello … Wer das Alphabet lernen möchte, muss nicht unbedingt mit Buchstaben beginnen. Manchmal reicht es, erst einmal ganz genau hinzuhören.
Was summt denn da? Wer macht dieses Geräusch? Und mit welchem Buchstaben beginnt das Wort, das wir dafür kennen?
Kinder entdecken ihre Umwelt mit allen Sinnen. Sie schauen, fühlen, riechen, bewegen sich – und hören. Lange bevor sie den ersten Buchstaben erkennen, können sie Stimmen unterscheiden, Geräusche wiedererkennen und Klänge mit bestimmten Dingen oder Erlebnissen verbinden.
Was zunächst nach einem einfachen Ratespiel klingt, kann zu einem spannenden Einstieg in die Welt der Sprache und Schrift werden. Denn zwischen dem bewussten Hören, dem Erkennen von Sprachlauten und dem Lesenlernen bestehen wichtige Zusammenhänge.
Erst hören, dann verstehen – und schließlich lesen. Ein Kind hört ein Summen und denkt an eine Biene. Es kennt das Tier, verbindet es mit einem bestimmten Geräusch und kann es benennen.
Damit ist schon einiges passiert: Das Kind hat einen Höreindruck verarbeitet, mit seinem Wissen abgeglichen und ihm eine sprachliche Bedeutung zugeordnet.
Nun kommt ein weiterer Schritt hinzu: Biene beginnt mit B.
Aus einem Geräusch wird ein Begriff, aus dem Begriff lässt sich ein Anfangslaut heraushören, und diesem Laut kann ein Buchstabe zugeordnet werden.
Natürlich lernen Kinder auf diese Weise nicht automatisch lesen. Aber das Spiel mit Geräuschen kann Neugier auf Sprache wecken und dazu einladen, Wörter genauer unter die Lupe zu nehmen.
Warum das Hören beim Lesenlernen so wichtig ist
Wer lesen lernt, muss verstehen, dass unsere gesprochene Sprache aus einzelnen Lauten besteht und dass Buchstaben beziehungsweise Buchstabengruppen diese Laute darstellen.
Eine zentrale Voraussetzung dafür ist die sogenannte phonologische Bewusstheit. Gemeint ist die Fähigkeit, die lautliche Struktur unserer Sprache bewusst wahrzunehmen: Reime zu erkennen, Silben zu unterscheiden und schließlich einzelne Sprachlaute in Wörtern herauszuhören.
Die Forschung zeigt seit Langem, wie bedeutsam diese Fähigkeiten für den Schriftspracherwerb sind.
Eine umfangreiche Metaanalyse von Linnea Ehri und Kolleg:innen (2001) belegt, dass die gezielte Förderung der phonemischen Bewusstheit – also des bewussten Umgangs mit einzelnen Sprachlauten – sowohl das Lesen- als auch das Schreibenlernen unterstützen kann.
Auch das amerikanische National Reading Panel (2000), das zahlreiche Studien zum Schriftspracherwerb ausgewertet hat, kommt zu dem Ergebnis, dass die bewusste Beschäftigung mit Sprachlauten und die systematische Vermittlung von Laut-Buchstaben-Beziehungen zu den wesentlichen Bausteinen erfolgreichen Lesenlernens gehören.
Das bedeutet für unsere pädagogische Praxis: Es lohnt sich, mit Kindern nicht nur über die Bedeutung von Wörtern zu sprechen, sondern auch darüber, wie Wörter klingen.
Lernen mit allen Sinnen – aber mit Sinn!
Sehen, hören, sprechen, zeigen, nachahmen: Wenn Kinder sich auf unterschiedliche Weise mit einem Lerngegenstand beschäftigen, können sich verschiedene Erfahrungen sinnvoll ergänzen.
Entscheidend ist dabei nicht, möglichst viele Sinne gleichzeitig anzusprechen. Wichtig ist vielmehr, dass die unterschiedlichen Eindrücke zusammenpassen und das Lernen unterstützen.
Ein Beispiel:
Wir hören das Summen einer Biene. Wir betrachten ein Bild des Tieres, sprechen das Wort „Biene“ deutlich aus, achten auf seinen Anfangslaut und entdecken den Buchstaben B. Vielleicht summen wir anschließend selbst wie eine Biene oder zeichnen ein großes B in die Luft.
So wird aus einem abstrakten Schriftzeichen eine kleine Entdeckungsreise.
Die Leseforscherin Linnea Ehri (2022) beschreibt, wie Kinder beim Lesenlernen Verbindungen zwischen Lauten, Schriftzeichen, Aussprache und Bedeutung aufbauen. Solche Verknüpfungen sind grundlegend dafür, dass geschriebene Wörter später zunehmend sicher und automatisch erkannt werden.
Unser Geräusche-ABC: Buchstaben einmal anders entdecken
Genau hier setzt unser Geräusche-ABC an.
Von A wie Affe über B wie Biene bis C wie Cello laden wir Kinder ein, das Alphabet nicht nur anzuschauen, sondern auch hörend zu erkunden.
Der besondere Reiz: Kinder müssen nicht sofort wissen, welcher Buchstabe gesucht wird. Sie können zunächst lauschen, Vermutungen anstellen und gemeinsam überlegen, was sie gerade gehört haben.
Das verbindet mehrere Lerngelegenheiten miteinander:
- Bewusstes Zuhören: Kinder richten ihre Aufmerksamkeit gezielt auf einen Höreindruck.
- Wortschatz und Begriffsbildung: Sie benennen das Gehörte und tauschen sich darüber aus.
- Sprachbewusstheit: Sie entdecken, dass Wörter aus Lauten bestehen und unterschiedliche Anfangslaute haben.
- Buchstabenkenntnis: Sie lernen, gesprochene Laute mit Schriftzeichen in Verbindung zu bringen.
- Motivation und Selbstwirksamkeit: Sie können eigene Vermutungen entwickeln, ausprobieren und Erfolgserlebnisse sammeln.
Dabei ist die Begleitung durch Erwachsene besonders wertvoll. Denn ein Geräusch verrät noch nicht, wie das dazugehörige Wort geschrieben wird. Erst das gemeinsame Benennen, deutliche Sprechen und Entdecken der Anfangslaute schafft die Brücke zum Alphabet.
Was heißt das für die Kita, die Grundschule oder zu Hause?
Das Geräusche-ABC lässt sich unkompliziert in den Alltag integrieren.
In der Kita: Ein Geräusch vorspielen und gemeinsam rätseln. Was könnte das sein? Wer kennt es? Kann jemand das Geräusch nachmachen? Und welche anderen Wörter beginnen genauso wie das gefundene Wort?
In der Grundschule: Ein Geräusch erkennen, den passenden Begriff nennen und seinen Anfangslaut bestimmen. Anschließend können die Kinder den entsprechenden Buchstaben suchen, schreiben oder weitere Wörter mit demselben Anlaut sammeln.
Zu Hause: Aus dem Geräusche-ABC wird ein kleines Familienspiel. Wer erkennt das Geräusch zuerst? Fallen uns noch andere Wörter mit diesem Anfangsbuchstaben ein? Und welche Geräusche können wir selbst erzeugen?
Wichtig ist, den spielerischen Charakter zu bewahren. Nicht jedes Geräusch muss sofort richtig erkannt werden. Gerade das gemeinsame Überlegen, Nachfragen und Ausprobieren macht den Reiz aus.
Und was sagt die Wissenschaft zu Geräuschen?
Die Entwicklungs- und Leseforschung beschäftigt sich auch mit der Frage, welche Rolle die auditive Wahrnehmung beim Spracherwerb und bei Schwierigkeiten mit dem Lesenlernen spielt.
Die Neurowissenschaftlerin Usha Goswami (2015) diskutiert beispielsweise Zusammenhänge zwischen der Verarbeitung akustischer Informationen und der Entwicklung von Lesefähigkeiten. Sie weist allerdings auch darauf hin, dass die Ursachen solcher Zusammenhänge komplex sind und nicht jede Form des Hörtrainings automatisch die Lesekompetenz verbessert.
Diese Unterscheidung ist wichtig: Geräusche erkennen ist noch kein Lesenlernen. Aber Geräusche können ein motivierender Ausgangspunkt sein, um Kinder zum genauen Zuhören, zum Sprechen und zur bewussten Beschäftigung mit Lauten anzuregen.
Entscheidend ist, was wir pädagogisch daraus machen.
Die Unterscheidung ist wichtig:
Geräusche erkennen ist noch kein Lesenlernen. Aber Geräusche können ein motivierender Ausgangspunkt sein, um Kinder zum genauen Zuhören, zum Sprechen und zur bewussten Beschäftigung mit Lauten anzuregen. Entscheidend ist, was wir pädagogisch daraus machen.
Hören, lauschen, lesen lernen: die Lernkette
Dass genaues Hinhören beim Lesenlernen eine wichtige Rolle spielt, ist keine neue Erkenntnis. Schon in den 1990er-Jahren untersuchten Wissenschaftler:innen der Universität Würzburg, wie Kinder durch spielerische Übungen mit Sprache und Lauten auf das Lesen- und Schreibenlernen vorbereitet werden können.
Aus diesen Forschungsarbeiten entstand das bekannte Würzburger Trainingsprogramm „Hören, lauschen, lernen“. Die Untersuchungen zeigten, dass die gezielte Förderung der sogenannten phonologischen Bewusstheit bereits im Kindergarten positive Auswirkungen auf den späteren Schriftspracherwerb haben kann (Schneider & Roth, 1999).
Was bedeutet das? Kinder müssen zunächst entdecken, dass Wörter nicht nur eine Bedeutung haben, sondern auch aus einzelnen Lauten bestehen. Sie lernen, Reime zu erkennen, Silben zu unterscheiden und schließlich einzelne Laute aus Wörtern herauszuhören.
Hier kann unser Geräusche-ABC spielerisch ansetzen: Die Kinder hören beispielsweise ein Summen, erkennen eine Biene und sprechen das Wort aus. Anschließend können sie gemeinsam überlegen, welchen Laut sie am Anfang hören und welcher Buchstabe dazu gehört.
Das Erkennen eines Geräusches allein vermittelt natürlich noch keine Lesekompetenz. Doch wenn aus dem Hörerlebnis ein gemeinsames Spiel mit Wörtern, Lauten und Buchstaben entsteht, werden wichtige Grundlagen des Schriftspracherwerbs angesprochen.
Und ganz nebenbei erfahren die Kinder, dass Lernen nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Ohren beginnt.
Unser Fazit: Wer die Ohren spitzt, entdeckt mehr!
Buchstaben sind für Kinder zunächst abstrakte Zeichen. Geräusche dagegen gehören zu ihrer vertrauten Erlebniswelt.
Wenn wir beides miteinander verbinden, können wir einen spielerischen Zugang zur Schriftsprache schaffen, der Neugier weckt, Gespräche anregt und Raum für eigene Entdeckungen lässt.
Das Geräusche-ABC ersetzt keinen systematischen Leseunterricht. Das soll es auch gar nicht. Es möchte Kinder zum Hinhören, Mitdenken, Nachahmen und Entdecken einladen – und dabei erste Begegnungen mit Buchstaben und Sprachlauten ermöglichen.
Also: Ohren auf! Vielleicht beginnt die nächste Buchstabenentdeckung ja mit einem Summen, Brummen oder Klingeln.
Hier geht’s zu unserem Geräusche-ABC!
⸻
📚 Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur
Schneider, W. & Roth, E. (1999): Frühe Prävention von Lese-Rechtschreibproblemen: Das Würzburger Trainingsprogramm zur Förderung sprachlicher Bewusstheit bei Kindergartenkindern. Kindheit und Entwicklung, 8(3), 147–152.
Schneider, W., Küspert, P., Roth, E., Visé, M. & Marx, H. (1997): Short- and Long-Term Effects of Training Phonological Awareness in Kindergarten: Evidence from Two German Studies. Journal of Experimental Child Psychology, 66(3), 311–340.
Sauerborn, H. (2018): Buchstaben lernen. Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben (DGLS).
Ehri, L. C. et al. (2001): Phonemic Awareness Instruction Helps Children Learn to Read: Evidence From the National Reading Panel’s Meta-Analysis. Reading Research Quarterly, 36(3), 250–287.
https://doi.org/10.1598/RRQ.36.3.2
National Reading Panel (2000): Teaching Children to Read: An Evidence-Based Assessment of the Scientific Research Literature on Reading and Its Implications for Reading Instruction. National Institute of Child Health and Human Development.
https://www.nichd.nih.gov/publications/pubs/nrp/report
Ehri, L. C. (2022): What Teachers Need to Know and Do to Teach Letter–Sounds, Phonemic Awareness, Word Reading, and Phonics. The Reading Teacher, 76(1), 53–61.
https://doi.org/10.1002/trtr.2095
Goswami, U. (2015): Sensory theories of developmental dyslexia: three challenges for research. Nature Reviews Neuroscience, 16, 43–54.
https://doi.org/10.1038/nrn3836
Die Diskussion ist beendet